Wie wird man Scrum-Master?

Scrum ist eine Vorgehensweise des Projekt- und Produktmanagements. Von ein paar Softwareentwicklern in den 90er Jahren geschrieben, ist der Scrum-Guide mittlerweile eine Art Bibel für agiles Arbeiten. Warum das so ist und wie Scrum genau funktioniert, erklärt Pia Heinze, die bei sipgate als Scrum-Master arbeitet. 

Was genau machst du eigentlich als Scrum-Master bei sipgate?

Pia Heinze: Also, tatsächlich steht einfach nur Scrum-Master auf meinem Gehaltszettel. Aber eigentlich ist es eine Mischung aus Scrum Master, Teamtrainer und agilem Coach sowie agilem Organisationsentwickler. Ich werde hier also dafür bezahlt, dass ich dem Team, das ich betreue, dabei helfe besser zusammenzuarbeiten. Aktuell zählen 15 Leute zu meinem Team: Das sind Softwareentwickler, Marketingleute, Kundenbetreuer, Programmierer, Texter, UXer – also, alles was wir brauchen, um dieses Produkt zu bauen. Deshalb ist das auch ein Team und keine Abteilung. Ich sage ihnen auch nicht, was sie zu tun haben, sondern helfen ihnen dabei, zwischenmenschlich besser klar kommen, Prozesse effektiver zu gestalten, damit sie ohne viel nachdenken zu müssen, ihren Job gut machen und ihre Expertise einbringen können.

Also doch so ähnlich wie ein Projektmanager?

Pia Heinze: Nein, eben nicht, denn ein Projektmanager würde Arbeitspakete zuordnen, ich mische mich inhaltlich nicht ein, ich kann zum Beispiel auch überhaupt nicht coden. Meine Aufgabe ist es, allen im Team zu helfen, ihr Projekt so gut wie möglich zu managen. Denn die sind die Experten. Es braucht aber eben auch oft eine Perspektive von außen, so wie ich die habe, die auf das Team drauf guckt. Und das ist total hilfreich, damit das Team seine Zusammenarbeit verbessern kann.

Kannst du das genauer beschreiben?

Pia Heinze: Wir treffen uns etwa einmal in der Woche am Montag und geben uns gegenseitig einen Überblick was letzte Woche im Team passiert ist und was passieren soll, ob wir noch auf dem richtigen Track sind. Dieses Meeting moderiere ich, um sicher zu gehen, dass die richtigen Fragen gestellt werden. Und dass das Team ein gutes Gefühl davon bekommt, wie es gerade aufgestellt ist. Dazu gehören total banale Fragen, wie:  Wer ist denn wann da? Habt ihr euer Backlog gepflegt, habt ihr alle reingeschrieben, was ihr machen wollt, damit wir die Transparenz behalten? Wer braucht diese Woche Unterstützung aus dem Team? So finden wir heraus, ob eventuell Abhängigkeiten oder Engpässe entstehen, auf die wir achten müssen. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass der eine auf den anderen warten muss. Im Grunde geht es darum, alles aufzudecken, was zu Reibungsverluste führen kann.

Wie lange bist du jeweils mit einem Team zusammen?

Pia Heinze: Das kommt drauf an. In meinem aktuellen Team war ich schon mal ein Jahr oder so. Dann bin ich für ein halbes Jahr in ein anderes Team gewechselt, weil da gerade Not am Mann war. In der Regel versuchen wir schon jedes Team stabil zu betreuen. Und solange strategische Priorität besteht, werde ich bei diesem Team bleiben.

Aktuell sind wir nur fünf  Scrum-Master, so dass ausschließlich die strategisch wichtigsten Teams eine Scrum-Master haben. Andererseits haben die meisten Teams das mit der agilen Arbeitsweise auch schon gut drauf. Wir machen das ja seit 2010. Und wenn mal was ist, werden wir auch mal auf dem Flur angesprochen. Allerdings versuchen wir uns schon auf einen Bereich zu fokussieren. Fokus ist ja auch ein sehr leaner und agiler Wert. Und wenn man den nicht hat, macht man irgendwann gar nichts mehr.

Wie bist du eigentlich darauf gekommen, Scrum-Master zu werden? Eigentlich kommst du ja aus dem Marketing-Bereich?

Pia Heinze: Ja, das sind ein paar Punkte, die da rein spielen. Mich hat eigentlich schon immer fasziniert, wie Menschen ticken und wie Beziehungen funktionieren. Und dann hat mein Mutter eine NLP-Ausbildung gemacht und sehr viel mit mir darüber geredet. Das ist die eine Seite.

Die andere ist meine berufliche Laufbahn. Ich habe an einer Privatuni BWL und Unternehmenskommunikation studiert, Praktika bei großen Unternehmen gemacht, und dann bei Vodafone angefangen. Nach einer Weile habe ich aber gemerkt, da stimmt irgendwas nichts. Ich hatte mich die Karriereleiter immer weiter nach oben geschuftet und bin dann irgendwann bei einem 10-Wörter-Titel rausgekommen: Field Marketing Manager Central Europe Vodafone Cloud and Hosting Services. Ich dachte, jetzt hast du es geschafft, hast richtig viel Verantwortung. Und auf dem Papier hatte ich auch einen richtig tollen Job, aber mir ging es ganz schlecht. Und ich habe komische Fragen gestellt, zum Beispiel: Warum müssen wir eigentlich wachsen. Und niemand konnte mir diese Frage beantworten. 

Das hat dann eine starke persönliche Entwicklung bei mir angestoßen, ich habe angefangen zu meditieren – und habe auch meinen jetzigen Freund kennengelernt.  Der hat mich damals auf sipgate aufmerksam gemacht und ich habe dann einen Vortrag besucht, den eine meiner jetzigen Kolleginnen gehalten hat. Thema war: Was macht ein Scrum-Master bei sipgate? Damals hatte ich ein starkes weg-von- aber noch kein starkes hin-zu-Gefühl. Aber ich habe mich lange mit ihr unterhalten. Es hat dann noch eine Weile gedauert bis ich mich aus dem Wertesystem der großen kapitalistischen Systeme hinausgedacht hatte, aber an meinem  30. Geburtstag habe ich dann meinen Vertrag bei sipgate unterschrieben.

Wie hast du sipgate von dir überzeugt?

Pia Heinze; Tatsächlich wurde ich nicht eingestellt, weil ich mich so gut mit Scrum auskenne. Ich hatte gerade mal den Guide durchgelesen. Ich wurde eher als Mensch eingestellt und wegen meiner Einstellung zum Thema Arbeit. Die Scrum-Zertifizierung habe ich erst gemacht als ich dort bereits gearbeitet habe. Das war eine Ausbildung von 2-3 Tagen. Danach bin ich erstmal wie ein Schatten mit meiner Patin durch die Gegend gelaufen. Erst nach ein paar Wochen habe ich mein erstes eigenes Team bekommen. Fazit: Eine Scrum-Zertifizierung macht dich nicht zum Scrum-Master. Dazu gehört auch ganz viel Erfahrung, viel zu reflektieren, zu beobachten, die Antennen auszufahren – und sich selbst weiterzuentwickeln.

Die Fragen stellte Josefine Köhn-Haskins

Fotos: privat, sipgate

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