„Ich habe mir meine eigenen Werte bewusst gemacht“

Ein Job kann unglücklich machen, wenn man keinen Sinn darin sieht. Génica Schäfgen, die heute als Head of DACH bei Ecosia arbeitet, hat das in einem früheren Job selbst erfahren. Deshalb schätzt sie es sehr, heute ihren Werten auch in der Arbeit treu bleiben zu können – und spricht auch auf der Digital Talents zum Thema Arbeiten mit Sinn. Trotzdem sagt sie:

„Bei all der Suche nach dem Mehr im Job, sollte man nicht vergessen, dass das ein Privileg ist und dass ein Job am Ende des Tages immer auch ein Job ist, der auch mal einfach Schwarzbrotarbeit sein darf“

Wie definierst du den Wert deiner Arbeit für dich?

Ich sehe den Wert meiner Arbeit darin, dass er ein Mehrwert für eine Sache darstellt, mit der ich mich identifizieren kann. Ich möchte mich hinter das stellen können, was ich tue und was meine Arbeit bewirkt. In meinem letzten Job habe ich Konsum von Produkten angetrieben, die ich als sinnlos erachtet habe. Als mir das bewusst wurde, hat sich das so falsch angefühlt und mich so unglücklich gemacht, dass ich mich hingesetzt und überlegt habe, wofür ich eigentlich arbeiten will. Ich habe mir meine eigenen Werte bewusst gemacht und dann aktiv nach Jobs gesucht, die damit vereinbar sind. Ich kann dem treu bleiben und trotzdem kompetente und gute Arbeit leisten, das ist ein tolles Gefühl.

„Die Art, wie wir nun selbstbestimmt unser Leben gestalten, ist identitätsstiftend geworden“

Viele junge Menschen suchen in ihrem Job nach mehr. Worin siehst du die Ursache dafür, dass  Geld zu verdienen zwar auch wichtig ist, aber andere Dinge bei einer Entscheidung für den Job eben auch ausschlaggebend sind?

Ich zähle mich auch zu diesen Menschen und ich denke, dass kann viele gesellschaftliche und kulturelle Ursachen haben. Ein Grund, den ich für sehr ausschlaggebend halte, ist, dass wir hier in Deutschland in einer Zeit leben, in der wir im Grunde abgesichert sind und es bei unserer Jobsuche und Ausbildung nicht mehr um unsere Existenzsicherung geht. Wir leben in einer politisch und wirtschaftlich stabilen Zeit, können sehr selbstbestimmt und divers leben, ohne uns an starre Vorgaben unserer Familie, der Kirche oder des Staates halten zu müssen. Uns definieren keine solchen Vorgaben von außen mehr und wir erleben den Luxus, unser Leben selbst und frei gestalten zu können. Die Art wie wir nun selbstbestimmt unser Leben gestalten, ist identitätsstiftend geworden.

Wer sind wir, wofür möchten wir stehen, wie möchten wir unser Leben verbringen?  All diese Fragen dürfen und müssen wir uns heute stellen. Eine reguläre Arbeitszeit von 40 Stunden die Woche ist sehr viel Lebenszeit, die daher jetzt nicht mehr nur den Anspruch hat, existenzsichernd zu sein, sondern auch identitätsstiftend. Und deshalb guckt man auch viel genauer darauf, was die eigenen Bedürfnisse und Werte sind und wie diese 40 Stunden die Woche damit vereinbar sind.

Das ist eine tolle Entwicklung, für die ich sehr dankbar bin. Aber man sollte nicht vergessen, dass es sehr viele Menschen auf der Welt gibt, die sich nicht danach richten können. Mir begegnen auch oft Menschen, die nach einem Job suchen, der sie erfüllt. Wenn man einen Job findet, der das tut: toll. (Noch besser ist natürlich, wenn man diese Erfüllung vor allem Privatleben und sich selbst findet, unabhängig von einem Unternehmen.) Aber wenn alle Menschen in Deutschland ihren Job nur danach aussuchen würden, ob er sie erfüllt, würde vieles nicht mehr funktionieren.

Es gibt Jobs, die müssen gemacht werden, auf denen baut unsere Gesellschaft, auf die wollen wir uns verlassen und die sind nicht immer erfüllend, sondern manchmal sogar richtig undankbar, obwohl sie so wichtig sind. Bei all der Suche nach dem Mehr im Job, sollte man nicht vergessen, dass das ein Privileg ist und dass ein Job am Ende des Tages immer auch ein Job ist, der auch mal einfach Schwarzbrotarbeit sein darf.

Hast du schon mal einen Job gehabt, bei dem es nur ums Geld verdienen ging?

Klar! Ich habe seitdem ich 14 bin immer Nebenjobs gehabt. Ich habe gekellnert, im Supermarkt an der Kasse gesessen, Buchhaltung gemacht, geputzt und auch mal im Call Center gearbeitet – das habe ich alles nur gemacht, um Geld zu verdienen und mein Taschengeld aufzubessern. Nach meinem Abitur habe ich dann gearbeitet, weil ich das Geld nicht nur wollte, sondern schlicht für mein Leben brauchte. Hier habe ich aber dennoch nicht angefangen, mich nach den höchsten Löhnen zu orientieren, sondern danach, wo ich am meisten lernen konnte und wo ich es spannend fand. Aber ich habe nie einen Job gemacht, nur um „das große Geld” zu verdienen. Wenn ich jetzt plötzlich eine Million Euro mehr hätte, würde ich mein Leben genauso weiterleben wie gerade und das Geld wahrscheinlich nicht mal ausgeben können.

Warum dann also sich selbst untreu werden, nur um mehr zu verdienen als man für ein gutes Leben braucht? Wenn ja, würdest du es wieder tun? Wenn nein, woran glaubst du, liegt das?

Ich denke, dass es nichts Verwerfliches ist, sich beim Job auch danach auszurichten, wie viel man verdient. Gerade wenn man eine Familie o.ä. mittragen muss. Aber ich denke, dass es niemandem gut tut, ausschließlich aufs Geld zu achten und dabei sich selbst und woran man glaubt, hinten anzustellen. Vor allem finde ich es unnötig, dem großen Geld hinterherzurennen. Wir brauchen nicht unendlich viel Geld, und mit der Jagd nach dem Immer Mehr unser Leben zu füllen, ist auf Dauer sicher nicht sehr befriedigend.

Grade bist du noch an der UdK eingeschrieben, oder? Kannst du ein wenig erklären, was du da genau machst und warum?

Ich studiere berufsbegleitend an der UdK Leadership in Digitaler Kommunikation. Nachdem ich in meinem letzten Job ein Jahr gearbeitet hatte, wollte ich unbedingt etwas Neues lernen. Ich habe mich schlicht gelangweilt. Und dann habe ich Leadership in Digitaler Kommunikation gefunden und sogar das Stipendium bekommen. Der Studiengang verbindet Theorie mit Praxis, somit grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse mit komplett neuen Ansätzen und Sichtweisen. Außerdem kommen die Studierenden aus verschiedenen Altersklassen und Berufsfeldern, was den Austausch super spannend macht.

Ich empfinde diese Weiterbildung – gerade auch als praxisbezogenen Aufbau auf mein doch sehr theoretisches Kulturwissenschaftsstudium im Bachelor – als wahnsinnig wertvoll.

Wie kriegst du es zeitlich hin, neben deiner Aufgabe bei Ecosia noch zu studieren?

Das frage ich mich manchmal auch! Es ist sicher nicht immer leicht, aber dadurch, dass mir sowohl meine Arbeit bei Ecosia, als auch mein Studium so viel Freude bringt, sehe ich es als herausforderndes Privileg statt als Belastung. Und diese Haltung hilft. Glücklicherweise ist meine Uni auch flexibel und so konnte ich ein paar Inhalte aus dem letzten Jahr in dieses Jahr verlegen. Wann und wie ich meine Masterarbeit neben einer Vollzeitstelle schreibe, steht aber noch in den Sternen.

„Man sollte die Haltung mitbringen, dass man man selbst nie ausgelernt hat“

Thema Zukunfts-Skills: Welche Skills sind wichtig, um auf dem Jobmarkt der Zukunft erfolgreich zu sein?

Ich denke es geht vor allem darum, die richtige Mischung aus generalistischer Kompetenz und Expertise mitzubringen. Die Jobs in agil denkenden Unternehmen werden immer flexibler, Definitionsgrenzen verschwimmen. ManagerInnen müssen heute alles so ein bisschen können und gleichzeitig ExpertInnen in bestimmten Gebieten sein. Mit alleine kämpfen kommt man heute nicht mehr weit, eben weil man heutzutage mehr Wissen braucht als eine Person alleine ansammeln kann.

Die gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die die Unternehmen heute beeinflussen, verändern sich so viel schneller als früher. Man muss daher agil bleiben, schnell denken und entscheiden können. Außerdem sollte man die Haltung mitbringen, dass man man selbst nie ausgelernt hat, dass man offen für andere Ansätze ist und dass man manchmal Dinge einfach ausprobieren muss, auch wenn sie noch nicht perfekt sind.

Du willst dich bei Ecosia bewerben? Dann schau dir mal die Tipps von Génica Schäfgen für Bewerber an.

 

Fotos: Patrick Desbrosses
Das Interview führte Josefine Köhn-Haskins

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.