Jenny Boldt, Leiterin Startups beim Digitalverband Bitkom über Zukunftsskills

Der Wettbewerb um die klügsten Köpfe

Ein Startup zu gründen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren immer einfacher geworden, auch dank einer Vielzahl von Informations- und Förderangeboten. Immer schwieriger wird dagegen das Wachstum. Das liegt vor allem an zwei Faktoren. Zum einen ist die Wachstumsfinanzierung hierzulande immer noch schwieriger als etwa in den USA, gerade dann, wenn es um ein- oder sogar zweistellige Millionenbeträge geht. Wer sich mit Gründerinnen und Gründern unterhält, der merkt allerdings schnell, dass ein zweiter Faktor immer mehr an Bedeutung gewinnt: der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Wer wachsen und dafür zusätzliche Entwickler für neue Projekte einstellen will, aber keine findet, der verliert nicht nur Einnahmen, sondern möglicherweise kommt die gesamte Expansion ins Stocken.

Dabei sind die Anforderungen an Bewerber in Startups nicht wesentlich anders als in anderen Unternehmen. Denn auch dort gehören längst oft allgemeine Digitalkompetenz und Offenheit gegenüber neuen Technologien zur Grundvoraussetzung für eine Stellenbesetzung. Und auch die Bereitschaft, eine Tätigkeit jenseits einer klassischen Berufsbezeichnung, die es bereits seit zehn Jahren oder länger gibt, auszufüllen, ist keine Besonderheit von Startups, sondern nur dort vielleicht etwas ausgeprägter zu finden. Das gilt auch für die Bedeutung der Softskills, von kritischem Denken über Kreativität bis zu Kommunikations- und Kollaborationsfähigkeit. Wer sich für einen Job in einem Startup interessiert, muss allerdings auf jeden Fall eines mitbringen: die Bereitschaft, sich in der täglichen Arbeit in einer fremden Sprache zu verständigen. In drei von zehn Startups ist bereits heute Englisch die Geschäftssprache. In größeren Startups mit 20 und mehr Mitarbeitern setzt sogar eine Mehrheit von 53 Prozent auf Englisch, wie eine Befragung unter mehr als 300 Startups im Auftrag des Digitalverbands Bitkom ergeben hat. Deutlich weniger Beachtung als mancher glaubt finden dagegen die Kicker- oder Tischtennis-Skills der Bewerber. Das war zwar immer schon ein Klischee, dass in Startups vor allem Freizeitaktivitäten stattfinden und nicht harte Arbeit, inzwischen ist in vielen Startups angesichts steigender Büromieten und Platzmangel aber gar kein Platz mehr für Kicker und Tischtennisplatte.

Die klügsten Köpfe können sich Startups aber nicht einfach aussuchen. Es herrscht ein scharfer Wettbewerb, in dem Startups mit oft deutlich finanzstärkeren Mittelständlern und Konzernen auf einem engen Markt konkurrieren. In Deutschland gibt es in der gesamten Wirtschaft nach einer Bitkom-Studie 82.000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Aktuell sind drei von fünf Startups auf der Suche nach neuen Mitarbeitern, im Schnitt haben sie fünf offene Stellen. Und die zu besetzen, bindet nicht nur Ressourcen bei den Personalern. Mit 56 Prozent hat mehr als die Hälfte aller Startups in der Vergangenheit bereits die Erfahrung gemacht, dass Stellen nicht besetzt werden konnten, weil keine geeigneten Kandidaten zu finden waren. 

Ein Ausweg: Startups versuchen verstärkt im Ausland zu rekrutieren. Im Durchschnitt hat bereits heute jeder fünfte Startup-Mitarbeiter keine deutsche Staatsbürgerschaft. In großen Startups mit 20 oder mehr Mitarbeitern liegt der Anteil mit 34 Prozent sogar noch deutlich darüber. Allerdings ist es trotz aller Verbesserungen der vergangenen Jahre immer noch mühsam und bürokratisch, eine Arbeitserlaubnis für neue Mitarbeiter zu bekommen, die nicht aus einem EU-Staat kommen. Gerade kleine Startups ohne große Personalabteilung und Erfahrung stoßen hier schnell an ihre Grenzen. Und insbesondere lange Wartezeiten bei den Botschaften vor Ort führen zu Verzögerungen von mehreren Monaten – was gerade für schnell wachsende Startups viel zu lange ist.

Da Startups häufig nicht mit den Vergütungspaketen von großen Corporates mithalten können, versuchen sie sich ein anderes Instrument zu Nutze zu machen: die Beteiligung ihrer Mitarbeiter am Startup. Denn wenn etwas Startups von klassischen Unternehmen unterscheidet, dann ist es doch die schnelle Erfolgsstory. Früh nach der Gründung zu einem Startup stoßen und am Unternehmen beteiligt werden – das vielleicht nach wenigen Jahren hoch bewertet ist und damit die Anteilseigner zu reichen Leuten macht. Jedes vierte deutsche Startup hat heute bereits Mitarbeiter außerhalb des Gründungsteams mit Anteilen ausgestattet. Diese Mitarbeiterbeteiligung, die in Deutschland leider noch sehr bürokratisch und auch steuerrechtlich kompliziert ist, dient einerseits dazu, Mitarbeiter im Startup zu halten, aber rund jedes zweite Startup, das diesen Weg nutzt, sagt andererseits auch: Wir wollen so Leute rekrutieren, deren Gehaltsvorstellungen wir auf klassischem Weg nicht erfüllen könnten. 

Künftig wird es für Bewerber noch wichtiger werden, für die digitale Welt geeignete Skills mitzubringen. Und umgekehrt werden die Unternehmen immer mehr Talente mit digitalen Skills benötigen. Wir brauchen ganz schnell eine Förderung digitaler Kompetenzen entlang der ganzen Bildungskette. Das heißt konkret, dass der Aufbau einer IT- und Medienkompetenz schon in der Schule gefördert werden muss, nicht zuletzt mit einem Pflichtfach Informatik. Aber auch Ausbildungsordnungen und die Lehrpläne der Berufsschulen sowie Studienordnungen müssen endlich auf die Anforderungen der Digitalisierung abgestimmt werden. Bildungspolitik ist an dieser Stelle ganz konkrete Startup-Förderung.

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