Ein Geschäftsmodell für mehr globale Gerechtigkeit: Urban Change Lab

Das Urban Change Lab bietet unter anderem eine Plattform, über die Konsumenten aus Europa eine Maßanfertigung bei einem HandwerkerIn in Afrika (aktuell Kenia, Ruanda, Ghana) direkt beauftragen können. Anschließend wird die Maßanfertigung als Einzelstück und gemeinsames Projekt zwischen Kunde und HandwerkerIn hergestellt.

Jochen, wie bist du auf die Idee zu Urban Change Lab gekommen?

Jochen Baumeister: Ich war auf der Suche nach einem Geschäftsmodell mit dem ich meine beiden Lebensmittelpunkte Berlin und Nairobi sinnvoll verknüpfen kann. Auf unserer Reise an die Küste von Kenia waren wir schließlich in einem ganz besonderen Hotel das sich durch ganz viele individuelle Ideen, die von lokalen Handwerkern umgesetzt wurden, definierte. Hierdurch inspirierte ließ ich mir meinen ersten maßgefertigten Gebrauchsgegenstand (eine Zuckerdose) bei den Handwerkern nebenan fertigen. Hierbei merkte ich, wie viel höher meine Wertschätzung gegenüber diesem Produkt und damit gegenüber der Arbeit die in diesem Produkt steckt ist. Diese Erfahrung wollte ich möglichst vielen Menschen auch online zugänglich machen.

Wie wichtig ist es Dir, mit deinem Beruf gleichzeitig etwas Gutes zu tun?

Jochen Baumeister: Ich denke es ist sehr wichtig, zunächst erst mal mit seinem Beruf nichts schlechtes zu machen. Also, sich regelmäßig die Frage zu stellen, ob man mit seinem Handeln zum Wohl oder zum Schaden der anderen beiträgt. Beim Urban Change Lab ist das relativ einfach zu beantworten und das fühlt sich gut an.

Dürfen Bewerbern bei der Jobsuche idealistisch sein?

Jochen Baumeister: Ja, denn ich denke, das ist der Kern um den es geht. Es ist eine Errungenschaft, dass sich zumindest in Deutschland jede und jeder diesen Idealismus leisten kann.

Auf was sollten junge Bewerber bei der Jobwahl achten? Teile gerne auch deine Erfahrungen und schildere h deinen Weg und Werdegang.

Jochen Baumeister: Ich denke zunächst steht die Frage nach dem ‘Warum möchte ich etwas machen.’ Manchmal vergessen das Menschen. Ich wollte mal reich werden und möglichst schnell einen Exit machen. Das hat jetzt nicht geklappt, später hatte ich mich dann gefragt, warum mir das eigentlich wichtig war. 

Erwirtschaftet UCL etwa durch den Transport und das Verschiffen der in Afrika hergestellten Produkte wieder einen negativen CO2-Footprint?

Jochen Baumeister: Nein, der CO2 Effekt des Transports der Langstrecke von Afrika nach Europa wird i.d.R. im Verhältnis zu den anderen Beiträgen zum CO2 Ausstoß (Art der Produktion, Lieferkette der Materialien, Materialwahl, Langlebigkeit des Produkts, Kurzstreckenlogistik) überschätzt. Wir haben das einmal nachgerechnet und in einem Blogbeitrag aufgearbeitet. Unterm Strich sind wir eher besser aufgestellt als andere Arten des Konsums zudem haben wir angefangen den CO2 Ausstoß aus der Logistik zu kompensieren. 

Wie kommen die Kontakte zu lokalen Handwerkern in Afrika zustande?

Jochen Baumeister: Wir haben in Kenia, Ruanda und Ghana lokale Operations Manager. Diese werben um Handwerker durch Direktansprache, wir machen Online Marketing und organisieren Handwerkertreffen um das Empfehlungsmarketing in Richtung Handwerker auszubauen.

Und wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Jochen Baumeister: Die Handwerker können sich auf unserer Seite zunächst einmal registrieren. Im Prozess können sie Beispiele von bisher hergestellten Produkten hochladen. Wir, also der lokale Operationsmanager, schaut sich die Handwerker an und entscheidet, welche Anfrage für welchen Handwerker auf der Basis der Spezialisierung geeignet ist. Sobald eine passende Anfrage von einem Kunden eingetragen wird, wird diese automatisch übersetzt und dann einem passenden Handwerker zugewiesen. Sofern er gerade freie Kapazitäten hat stellt er noch offene Fragen und macht nach Klärung aller Fragen ein Angebot. Wir fügen transparent für beide Seiten unsere Marge hinzu und der Kunde entscheidet, ob er beauftragen möchte.

Wie große ist euer Netzwerk mittlerweile?

Jochen Baumeister: Wir haben ca. 100 registrierte Handwerker in Kenia, Ruanda und Ghana.

Eure Social Media Managerin ist vor Ort in Nairobi? Wie klappt die Zusammenarbeit? Wie organisiert ihr eure Remote Workforce?

Jochen Baumeister: Ja, Noela lebt in Nairobi. Sie entscheidet in Abstimmung mit dem Team über die Themen, schreibt die Texte und sucht die Bilder. Posts werden wie auch die Kommunikation zwischen Kunde und Handwerker über deepl automatisch übersetzt und dann noch einmal von mir final gegengelesen. 

Ist Prisca Noel Waiganjo, die für euch Social Media macht, ein Einzelfall oder ist Remote Work in Afrika etwas ganz normales?

Jochen Baumeister: Die Frage ist meines Erachtens weniger ob es in Afrika normal ist oder in digitalen Arbeitswelten. Ich würde sagen, es ist global bei digitalen Jobs normal geworden, remote zu arbeiten. Es zeigt sich, auch aus meiner Beraterpraxis, dass es leichter ist, wenn alle remote arbeiten als wenn nur Teile des Teams remote sind. Wir organisieren uns so, dass unser Team jeden morgen ein 15- bis 30-minütige gemeinsame Telefonkonferenz hat, in der wir besprechen was jeder am Vortag gemacht hat und am nächsten Tag plant. Im Urban Change Lab sind wir alle selbstständige Unternehmer, wobei sich  jeder um einen Bereich kümmert, also auch Noela für Social Media . Das ist für Remote Work eine gute Voraussetzung.

Wohin denkst du wird sich die Arbeitswelt der Zukunft entwickeln – vor allem auf internationaler Ebene? Wie es eine noch stärkere Zusammenarbeit und Vernetzung geben?

Jochen Baumeister: Räumliche Disparitäten werden sich angleichen (müssen). Die Frage ist nur wie wir dahin kommen. Ich persönlich halte es für am wahrscheinlichsten, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre sämtliche Landesgrenzen abgebaut werden, da diese sowohl die ökonomische Entwicklung als auch den ökologischen Umbau erschweren und letztlich nur eine ganz kleine Elite von Grenzen profitiert.

Wie wird sich das auf den Arbeitsmarkt etwa in Deutschland auswirken,  zum Beispiel wenn man auf die Gehaltsentwicklung schaut?

Jochen Baumeister: Naja, neben den Auswirkungen der Globalisierung steht noch Digitalisierung, Automatisierung und demographischer Wandel. Vielleicht prägt der Renteneintritt der Babyboomer den Arbeitsmarkt in Deutschland in den nächsten 5 bis 10 Jahren erst mal am Wesentlichsten. Aus Sicht der Jungen, die aktuell ins Berufsleben eintreten, würde ich aber alle möglichen Zukunfts-Szenarien beiseite schieben und mir schlicht und ergreifend das raussuchen, worin ich aktuell meine Passion sehe. Auf Gehaltsebene hat Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern, insbesondere im Vergleich zu Entwicklungsländern, eine etwas geringere Lohnspreizung zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie ist aber immer noch zu groß für maximale ökonomische Entwicklung. International sieht das nicht besser aus. Ich denke wir werden hoffentlich international eine Angleichung von Einkommen sehen, da nur so Ressourcen effizient genutzt werden können. Ich erwarte eine Angleichung auf einem Niveau auf dem jeder zufrieden sein kann. 

Ihr wart auch beim Bundesministerium für Wirtschaft eingeladen. Wie war das und denkst du, dass so ein Projekt wie eures für mehr Gerechtigkeit auf dem globalen Markt  sorgen kann?

Jochen Baumeister: Hat Spaß gemacht unser Projekt im Ministerium vorzustellen, allerdings hat meines Erachtens das Thema globale Gerechtigkeit in der Politik noch nicht den Stellenwert den es verdient. Die Ausbeutung von afrikanischen Ländern geht schlicht weiter. Europa und die Europäer profitieren hier auf Kosten der Bürger in vielen afrikanischen Ländern.  

Das Urban Change Lab ist wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, aber gemeinsam können wir viele Tropfen schaffen. Die Politik muss sich dennoch ändern. Bis dahin versuchen wir zumindest unseren Beitrag zu leisten. Alles besser als nichts. 

Hast du selbst schon über Urban Change Lab Produkte bestellt?

Jochen Baumeister: Ja, natürlich. Und ich freue mich über die Sachen genau so wie über die Zuckerdose, die den Start des Projekts verursacht hat. Bisher war es, eine Laptoptasche aus Leder, zwei Besteckkästen, Vorhänge für unsere Wohnung, Manschettenknöpfe…

Dipl.-Ing. Jochen Baumeister, Gründer und CEO Urban Change Lab
Jochen hat in 20 Jahren als Gründer, Unternehmensberater und Freelancer bereits eine Vielzahl von Innovationen realisiert. Nach seiner Ausbildung als Kommunikationselektroniker und seinem Studium zum Dipl.-Ing Raumplanung, startete er bei der DaimerChrysler AG in der Zukunftsforschung. Im Jahr 2001 gründete er das StartUp Teltix und führte damit das erste Handyticketsystem in Serie im öffentlichen Verkehr ein. Später folgte die Gründung des Unternehmens Deutsche Bus und damit das erste Crowdsourcing Linienbusunternehmen. Nach zwei Gründungen mit externem Risikokapital, baut er seit 2015 das Urban Change Lab auf. urbanchangelab.com

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